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Martin Suter: Allmen und die Libellen

Vom stilvollen Verarmen und noblen Tricksen


Christa Tamara Kaul  
 

 

Anmutig und elegant schweben Libellen über das Wasser. Fast so leicht wie sie kommt auch der neue Roman von Martin Suter mit seinem nonchalanten Protagonisten Johann Friedrich von Allmen daher, einem Dandy, der sein einst immenses Vermögen nahezu durchgebracht hat. Not macht bekanntlich erfinderisch, und so sinnt der stilvoll verarmte Lebemann auf Abhilfe. Und die scheint ihm ausgerechnet in Form von Libellen entgegenzukommen, genauer gesagt, in fünf hinreißend schönen, mit Libellen geschmückten Jugendstil-Glasschalen. Doch tatsächlich ziehen sie ihn in ein übles Verbrechen hinein.

 

 

"Jeder meiner Romane ist eine Hommage an eine literarische Gattung. Dieser ist eine an den Serienkrimi, Fortsetzung folgt.“ So kündigt der Autor sein neues Buch Allmen und die Libellen an. Und das ist zunächst eine durchaus erfreuliche Nachricht. Doch stimmt sie auch?

Ob das mit dem Gattungsbegriff so literaturwissenschaftlich genau zu nehmen ist, darf schon mal bezweifelt werden. Zum einen ist zwar ein Kriminalfall der Motor der Handlung. Doch der Autor ergeht sich weder in auf dem Krimi-Markt weit verbreiteten Brutalostil noch in Hardcore-Szenen. Ganz im Gegenteil, er umfängt den Leser auch hier mit dem typischen, scheinbar harmlosen, unterschwellig elegant-ironischen Suter-Stil. Und der lässt weder Ekel noch Grauen aufkommen, sondern eher wohlige Spannung. Es ist eine – bisweilen durchaus zynische – Kriminalkomödie.

Und zum anderen, was den Gattungsbegriff angeht – auch in den vorangegangenen Romanen des Autors trieben Verbrechen sowohl die Handlung als auch die persönliche Entwicklung des literarischen Personals voran. Besonders ausgeprägt in Small World oder Ein perfekter Freund. Nur das dort die Geschichten komplexer und die psychologischen Entwicklungskomponenten stärker ausgeprägt sind.

Doch unabhängig von einer Gattungszuordnung: Wie immer schafft Suter es auch hier, seine Figuren auf raffiniert unauffällige Art im Kopf der Lesenden Gestalt annehmen zu lassen. Ein paar typische Gesten oder Marotten, ein paar spezifische Sätze, einige individuelle Details ihres Lebensstils genügen, um sie in der Phantasie anschaulich zu etablieren. Dieses Mal gilt das für den einst steinreichen Herrn Hans Fritz von Allmen, Betonung auf dem „von“, der seinen Namen des höheren Renommees wegen in Johann Friedrich von Allmen ändern ließ. Als er noch genügend Geld besaß, um sich diese Ausgabe leisten zu können. Er hat sich mit seinem guatemaltekischen Diener, der nicht nur treuer, die gesellschaftliche Rangordnung peinlichst genau beachtender Diener, sondern auch ein überaus gewitzter Partner ist, in ein ehemaliges Gewächshaus zurückgezogen. In das Gewächshaus, das zu dem riesigen Anwesen mit feudaler Villa am Züricher See gehört, das er schon vor Längerem aus Geldnot an eine Nobelfirma verkaufen musste. Das allerdings mit der Klausel, ewiges Wohnrecht in eben diesem Gewächshaus zu besitzen.

Von Allmen zeichnet neben exzellenter Bildung und Umgangsformen vom Feinsten vor allem eine Mischung aus hoch entwickelter Realitätsferne und kostspieligen Allüren aus. Da muss jedes Vermögen mit der Zeit in die Knie gehen. Und in seinem Bemühen, das finanzielle Desaster irgendwie zu wenden, kommt ihm eines Tages das Schicksal in Form der liebestollen Milliardärstochter Jojo aus der feinsten Zürcher Gesellschaft zur Hilfe. Deren steinreicher, aber todkranker Vater besitzt eine einmalig wertvolle, faszinierende Sammlung antiker Glasobjekte. Dumm nur, dass viele von diesen Sammlerstücken nicht auf dem Weg von Gesetz und Ordnung in seinen Besitz gelangt sind. Dumm auch, dass die Sammlung zwar in einem abseits gelegenen Raum untergebracht ist, zu dem aber ausgerechnet eine der Türen von Jojos pompösen Schlafgemach führt. Und bei dem Bemühen, am Morgen nach der ersten Nacht mit Jojo möglichst schnell und unbemerkt das Weite zu suchen, erwischt der von Jojo vernaschte Dandy versehentlich die falsche Tür, nämlich die, die in den Raum mit der Glasmenagerie führt. Nun kann die Geschichte ihren spannungsreichen, verzwickt amüsanten Verlauf nehmen. An dessen Ende, nach durchlesener Nacht, stilvoll unterhaltene Leser und Leserinnen vergnügt in die Kissen zurücksinken.

Martin Suter hat es mit seinem untrüglichen Gespür für Wortwahl und Spannungsaufbau einmal mehr geschafft, ein Buch mit Aussichten auf Bestsellerplatzierung vorzulegen. Gut, ein paar Sprachschnitzer gibt es, beispielsweise das Bemühen, farbige Frühlingsgefühle zu erwecken: “Die Forsythien schrien ihr Gelb in den blassblauen Himmel, der Flieder verbarg sein Lila still im Blattwerk.“ Na gut, geschenkt. Vergessen. Denn alles in allem ist Allmen und die Libellen ebenso amüsante wie feinnervige Unterhaltung. Ein libellenhaft luftig-leichter Schmöker von bestem Niveau. Ob die Fortsetzungsfolgen halten, was Allmen und Kompagnon Carlos hier versprechen? Mal sehen.


Martin Suter: Allmen und die Libellen
Roman, Hardcover Leinen, 208 Seiten

Diogenes Verlag, Zürich 2011, 18.90 Euro
ISBN 978-3-257-06777-4
 

 

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