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Heute das Morgen zurückbekommen


Sophie van der Stap schreibt über ihr Leben mit Krebs

und den Sieg über die Krankheit

 

Von Christa Tamara Kaul

 

 

Und plötzlich ist alles anders – dann, wenn es heißt: Du hast Krebs. Es beginnt eine qualvolle Zeit, physisch wie psychisch, immer und für alle, für die Kranken wie für Partner und Angehörige. Eine Achterbahn der Gefühle zwischen Entsetzen und Abwehr, zwischen Wut und Hoffnung, zwischen Todesangst und Lebenswillen.

Die niederländische Studentin Sophie van der Stap trifft die niederschmetternde Diagnose im Alter von 21 Jahren. Die Laborbefunde besagen, dass sie an einem Rhabdomyosarkom, einer hoch aggressiven Tumorart des Muskelgewebes erkrankt ist. Die ersten Reaktionen sind blankes Entsetzen, auswegslose Flucht vor dem Befund, das Gefühl, im falschen Film zu sein: „Und da saß ich, mit offenem Mund. Da lag ich, schluchzend auf dem Boden. Da kroch ich, vor Schreck, unter den Schreibtisch. Es war vollkommen irreal. Zugleich aber nur zu real.“

Der Diagnose folgt die unausweichliche Therapie – mit zahllosen Infusionen und Folgeuntersuchungen, mit schlaflosen Nächten voll übel riechender Schweißausbrüche, mit Erbrechen und Gestank, mit der Angst vor dem Identitätsverlust. Da beginnt Sophie, ihre persönliche Achterbahnfahrt durch den Krankheitsverlauf tagebuchartig festzuhalten, und öffnet damit ihrer Verzweiflung ein Ventil.

Das Buch, das aus diesen Aufzeichnungen entstanden ist, lässt den Leser zum Begleiter des Therapieverlaufes werden und gewährt ihm streckenweise sehr intime Einblicke in Sophies zum Zerreißen gespanntes Innenleben. Dabei gelingt es der Autorin, einerseits durch den Wortwitz jugendlicher Ausdrucksweise dem schweren Thema eine gewisse Leichtigkeit zu geben und andererseits den Leser ansatzweise die essentielle Kluft zwischen der „neuen Welt“ der tödlich Erkrankten und der alten Welt des „normal“ weiterlaufenden Lebens ermessen zu lassen. Bis jetzt stand sie mitten im Leben, studierte Politologie, feierte viel mit Freunden und reiste gern. Die Zukunft stand ihr offen. Und jetzt? „An diesem Tag, in diesem Raum veränderte sich meine Welt vollständig – und nur meine. Die anderen Studenten liefen einfach weiter.“

Wut und Verzweiflung, beide fast so kraftraubend wie die eigentliche Krankheit, weichen zunehmend Momenten des sich Einbettens in das Unausweichliche, Momenten des Versuchs, wenn schon nicht einen Sinn, so doch das durchaus „Natürliche“ des Geschehens zu sehen. „Ich rechne also mit dem schlimmsten Szenario: Es geht zu Ende mit mir. Ich nehme unsere (sehr alte) Katze Saartje auf den Arm, drücke sie an mich und frage mich, wer von uns beiden wen überleben wird. In diesen Wochen tritt der Tod zum ersten Mal wirklich in mein Bewusstsein. Das Menschsein als Teil eines größeren Ganzen, der natürliche Prozess des Geborenwerdens und Sterbens. Das nimmt mir etwas von meiner Unsicherheit, es macht das Sterben weniger fremd, bedrohlich, unheimlich. Schade nur, dass wir nicht beide gleichzeitig gehen.“

Das ist die eine Seite der Sophie. Doch sie ist nicht nur ein „armes kleines Krebsbündel“ und eine womöglich zum baldigen Tod Verurteilte, als die sie sich in ihren dunkelsten Stunden sieht, sie ist auch eine Kämpferin, in der die Lust am Leben immer stärker aufbegehrt. Und so folgt der Krebsdiagnose nicht nur ein qualvoller Lebensabschnitt, sondern, zunächst eher unbewusst, auch die Chance der persönlichen Entwicklung, der Beginn von Verwandlung und Reifeprozess. „Aufräumen und Saubermachen“ wird zu ihrem Lebensmotto. Dabei geht es ihr darum, sich und anderen hoffnungsfroh zu zeigen, „dass ein Leben mit Krebs möglich ist, dass ich nach wie vor lachen und Dinge genießen kann, zum Beispiel shoppen, mich aufbrezeln, ausgehen.“

Der Aufräumprozess beginnt völlig unspektakulär mit dem Kauf einer Perücke, um den durch die Chemotherapie kahl gewordenen Kopf zu bedecken. Das lässt sie die Erfahrung machen, dass Äußerlichkeit innerliche Auswirkungen hat. „Perücken sind viel mehr als nur Haare. Sie machen etwas mit mir, nicht nur mit meinem Kopf, sondern auch mit meinem weiblichen Bewusstsein. Dass ich anders aussehe, bewirkt, dass ich mich anders fühle und dass ich andere Reaktionen hervorrufe.“ In einem Strudel widersprüchlicher Gefühle erwirbt sie nach und nach acht weitere Perücken. Mit ihnen verbindet sie unterschiedliche Identitäten, denen sie eigene Namen gibt: Stella, Sue, Daisy, Blondie, Platina, Oema, Pam, Lydia oder Bebé. Als Blondchen gibt sie sich unbedarft naiv und umgarnt kokett die Männer, als Rothaarige spielt sie die femme fatale des Nachtlebens, als Brünette sieht sie sich eher der Ernsthaftigkeit verpflichtet. Ihre experimentellen Charaktere ermöglichen ihr, Lebensentwürfe auszuprobieren, sich in verschiedenen Milieus mit unterschiedlichen Freunden zu bewegen. Aber eins haben die neun Damen gemeinsam: „Hinter allen verbirgt sich ein bisschen Sophie. Eine Sophie, die ihnen über die Schulter sieht und jede Schauspielerei mit Unbehagen registriert. Eine Sophie, die ihnen etwas abschaut und sich dadurch weiterentwickelt. Und eine Sophie, die merkt, … dass Daisy, Blondie, Sue und Stella zusammen eine neue Sophie sind.“

Der langwierige, aber endlich doch positive Therapieverlauf und die Wandlung zu einer „neuen Sophie“ gehen untrennbar zusammen. „Je kleiner meine Tumorfamilie wird, desto besser fühle ich mich. Es hat Angst und Gewichtsverlust, es hat Schweiß und Kotzerei gekostet, aber allmählich gewöhnt sich mein Körper an all das Neue, das ihm zugeführt wird, und man sieht immer mehr Sophie und immer weniger Krebs.“

Als sie schließlich auf demselben Stuhl von demselben Arzt, der ihr einst die Schreckensbotschaft ihrer Krankheit überbracht hat, erfährt, dass sie von allen Tumoren befreit ist, dreht sich ihr Leben abermals um hundertachtzig Grad. „Heute habe ich das Morgen zurückbekommen.“ Und sie ist inzwischen nicht nur eine andere Sophie, eine, die zu sich selbst und ihrer beruflichen Bestimmung als Schriftstellerin und Journalistin gefunden hat, sondern auch eine, die erste zweifelhafte Erfahrungen mit der modernen Medienwelt, ihrem neuen Berufsfeld, gemacht hat und ironisch kritische Distanz herstellen kann. „Krebspatientin geht mit ihren Perücken, ihrem Sodbrennen, ihren Tränen, ihren Arztgeschichten und Träumen an die Öffentlichkeit. Sprich: Krebspatientin goes celebrity. … Ja, es ist richtig cool, Krebspatientin zu sein.“


Sophie van der Stap: Heute bin ich blond. Das Mädchen mit den neun Perücken.
Verlag Droemer Knaur, München, 2008, ISBN 3-426-27443-4, 16,95 Euro


 

 

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