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Arnold Stadler: Komm, gehen wir


Glück, diese eine Idee, mit der man ein Leben lang gestraft ist

 

Von Christa Tamara Kaul

 

Den Anfang dieses Romans habe ich im ICE von Nürnberg nach Köln gelesen. In der Zeitschrift der Deutschen Bahn, die das erste Kapitel abgedruckt hatte. Dabei lag das Buch längst bei mir zu Hause, nur war ich bisher nicht zum Lesen gekommen. Nun gut, dachte ich nach den ersten Sätzen, eine von diesen leichten Sommergeschichten, die sich gut am Strand oder im Liegestuhl im Garten lesen lassen. Nett, aber doch eher belanglos. Dann tauchte Tante Paula auf, und je mehr sie auftauchte, umso mehr tauchte ich in die Geschichte ein. Bis ich schließlich am Ende des Anfangs wusste: Das Buch muss ich zu Ende lesen, und zwar ganz schnell. Noch vor etlichen anderen Büchern, die zu Hause ebenfalls auf dem Stapel „Ungelesen“ warteten.

Der verstorbenen Tante Paula und ihrer Begeisterung für Capri ist es zu verdanken, dass Roland und Rosemarie, beide Anfang zwanzig, in den Semesterferien, wenige Monate vor ihrer Hochzeit, auf diese Insel fahren, obwohl das Rudi-Schuricke-Sehnsuchtsidyll der Fünfziger 1978, also in der Blüte der Flower-Power-Ära, keineswegs ein angesagtes Ziel ihrer Altersgruppe ist. Ein wenig erholen wollen sie sich dort vor den kommenden Herausforderungen durch Uni und Heirat und schön braun werden. Da treffen sie an ihrem letzten Urlaubstag, urplötzlich, am Strand mit Jim zusammen, einem etwa gleichaltrigen, leicht chaotischen Amerikaner italienischer Abstammung, der sich aufgemacht hat, seinen Wurzeln nachzuspüren.

Und dieses Zusammentreffen, das durch Jims Bitte um einen Schluck Wasser ausgelöst wird, ist die Initialzündung eines unwiderstehlichen Sommerliebesrausches zu dritt, einer verrückten Ménage-à-trois, die gleich in der folgenden Nacht ihren – einzigen wirklich ungetrübten – Höhepunkt, also reines Glück, erfährt. Die Erinnerung daran wird alle drei ihr Leben lang begleiten, ihre weiteren Handlungen beeinflussen. Sex und Liebe ohne alle Vorbehalte, ganz im propagierten Stil der Siebziger, auch wenn alle Beteiligten Katholiken sind und sich auch als solche verstehen. Wobei mit den Betrachtungen zum Katholizismus sogleich eines der bevorzugten Stadler-Themen eingeführt wird, was im Verlauf der Geschichte immer wieder eine mal amüsante, mal tiefsinnige, mal ironische Rolle spielt.

Nach dem unvergleichlich luftig leicht, fern aller gängigen Klischees präsentierten hetero- homosexuellen Liebesfest auf Capri erfahren wir etwas über die bisherigen Biographien der drei Hauptpersonen. Die meisterhaft lakonische, immer wieder mit Aphorismen durchsetzte Beschreibung des deutschen, italienischen und amerikanischen Alltags vermittelt psychologische Einblicke, die den Liebesrausch zwar nicht zwingend begründen können, aber insgesamt doch aufschlussreich sind. Roland ist zum Beginn der Geschichte Philosophiestudent, nachdem er zuvor anderes ausprobiert und abgebrochen hat, nämlich ein Landwirtschaftsstudium und eine Ballettausbildung. Er ist mit Rosemarie verlobt, einer angehenden Medizinerin mit ausgeprägter Zielstrebigkeit und Nüchternheit. Jim schließlich hat „irgendetwas, das sich Tourism Management nannte“ studiert und beruflich bisher schon so ziemlich alles durchprobiert, ohne eine ausgeprägte Neigung offenbart zu haben.

Doch wie das bei Dreiecksgeschichten so ist, die enden zumindest für einen Beteiligten, meistens aber für alle gar nicht sonderlich glücklich. So auch hier. Das Glückspendel scheint zunächst auf die Seite von Rosemarie und Jim auszuschlagen, und Roland kommt die Rolle des subtil Leidenden zu. Schließlich möchten Roland und Rosemarie, noch immer entschlossen zu heiraten, Jim mit nach Freiburg nehmen und machen auf dem Weg dorthin in Rom Station. Dort werden sie unversehens Zeugen der Wahl des neuen Papstes Johannes Paul I.. Am Ende von dessen kurzem Pontifikat aufgrund seines plötzlichen Todes, also schon nach vier Wochen, geht allerdings auch die Beziehung zwischen Rosemarie und Jim wieder in die Brüche. Wobei sich Rosemarie damit auseinandersetzen muss, von Jim schwanger zu sein.

Am Ende wird der sensible Roland, körperlicher Linkshänder und „Linkshänder im Denken” schließlich Schriftsteller und nennt seinen ersten Roman, dessen Inhalt in etwa Stadlers Roman gleicht, „Ungewaschene Erinnerung an die Liebe”. Eigentlich wollte er ihn „Jim“ nennen. Denn die sehnsüchtige Liebe zu dem längst in die USA Zurückgekehrten hat ihn nie verlassen, und so macht er sich schließlich 1989, mehr als zehn Jahre nach dem ersten Blick und  vielen langen Briefen, die über den Atlantik hin- und hergegangen sind, auf den Weg zu ihm auf.

Dass diese Geschichte streckenweise hinreißend schön, aber niemals kitschig daherkommt, liegt an der erfrischend, stellenweise geradezu grandios komischen Stadlerschen Erzählweise. Diese Stilmixtur aus lakonischer Alltagsweisheit, kindlicher Erzähllust, ergreifender Traurigkeit, provinzieller Sonderheit und philosophischer Grundbetrachtung, locker, scheinbar oft unvermittelt und unbefangen, aber eben doch kalkulierend verwoben, hat ihren unverwechselbaren Reiz. Allerdings – bisweilen verliert sich dieser Reiz ins zu Breite, überflüssig Wiederholte. Besonders bei den Kapiteln, in denen Stadler aus dem Vollen seiner schwäbischen Heimat schöpft und kaum aufhören kann, noch etwas aufzuzeigen, noch etwas zu karikieren. Dann gleitet die Sprache auch schon mal vom Eigenwilligen zum Schlampigen.

Gekonnt ist, wie selbst die heißesten Bettszenen ganz ohne die pathologisch minutiöse oder schmuddelig brünstige Blut- und Hodenmanie auskommen, die vielfach in zeitgenössischer Literatur ebenso wie im Regietheater bis zum Überdruss strapaziert wird. Und dennoch erfüllt das Buch ein prickelndes Flair. Ein Juwel an wolllüstiger Untertreibung ist beispielsweise eine Badezimmerszene: „Als Jim dann aus dem Bad mit seiner Stimme Rowländ! rief, er solle ihm ein Handtuch bringen, und dann, als er im Bad war, ihn aufforderte, er solle ihn nun abtrocknen, wollte er noch Nein! sagen, trockne dich doch selbst ab! – Du Schwein!, hatte er noch sagen wollen. … Das Abtrocknen, eigentlich eine Sache von einer Minute, zog sich in die Länge, und danach mussten sie noch einmal duschen und brauchten zwei frische Handtücher. (Was ist lieben? Ist es ein Tuwort?)“

Und darum geht es schließlich von der ersten bis zur letzten Seite, um Liebe, um Glück und vor allem um die Sehnsucht danach. Denn ob es Liebe und Glück tatsächlich gibt, dauerhaft, und ob sie sich womöglich auch noch bedingen – das ist die Frage (nicht nur) dieses Buches. Stadlers Beobachtungen, die entsprechende Überlegungen wieder einmal neu beleben, lassen Zweifel aufkommen. „Vielleicht ist es sogar leichter einen Liebesroman zu schreiben, als zu lieben. … Auf dem Balkan oder in der Hohen Tatra oder in der Sierra Madre lief das alles wahrscheinlich genauso in den Köpfen der Menschen ab, die insofern auf der Welt waren, als sie vom Glück wussten und so viel mitbekommen hatten, dass sie sich vorstellen konnten, was Glück war, diese eine Idee, mit der sie ein Leben lang gestraft waren.“ Das klingt fast wie Tschechow.

„Wir können nicht glücklich sein. Wir sehnen uns nur danach“, lässt er Werschenin in den „Drei Schwestern“ sagen. Das könnten auch Stadlers Protagonisten sagen, wenn auch ohne die Tschechowsche Fin-de-siecle-Morbidität. Sie ahnen es eher, als es wirklich festzustellen. Und bewahren die ewige Sehnsucht nach dem Glück der Liebe. Schließlich haben sich die Zeiten und die individuellen Gestaltungsräume geändert, Freizügigkeit und Möglichkeiten der eigenen Lebensplanung eröffnen fast unendlich viele Alternativen. Ansonsten aber scheint die Problematik der Glückssuche keiner ästhetischen oder gesellschaftspolitischen Konjunktur zu unterliegen, sondern Ewigkeitswert zu besitzen.


Arnold Stadler: Komm, gehen wir. Roman. S. Fischer Verlag. ISBN 978-3-10-075127-0. 18,90 Euro
 

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