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Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit  -  Politisch-psychologischer Versuch

Die verkannten Triebkräfte des Zorns und die sie zähmenden Balanceübungen

 

In seinem neuen Buch untersucht der Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk die Geschichte, im Wesentlichen die westliche, daraufhin, welche menschlichen Kräfte sie vorrangig bewegt haben, und stößt auf den Zorn als eines der wichtigsten Triebmittel. Im Gegensatz zur Liebe, dem anderen starken Grundelement menschlichen Handelns, dem nur gute, lebensfördernde und sinnstiftende Resultate zuerkannt werden, wird dem Zorn ausschließlich Ver- und Zerstörendes zugeteilt, das sich als Hass, Aggression, Kampf und Gewalt äußert. Doch das kann nach Sloterdijk so nicht stehen bleiben, denn auch dem Zorn, den man im antiken Griechenland im thymós, was sich mit Gemüt übersetzen lässt, angesiedelt sah, müssen ganz wesentliche und ursprüngliche Impulse und Ergebnisse geschichtlicher Entwicklung zugestanden werden.

Um sein Gedankengebäude griffig darstellen zu können, führt Sloterdijk dafür eigens neue Wörter ein, und zwar „thymotisch“ und „Thymotik“ als Analogien zu „erotisch“ und „Erotik“, den Begriffen aus dem Bereich der anderen menschlichen Urkraft, der Liebe bzw. Sexualität. Vor allem geht es ihm darum nachweisen, dass Wissenschaftler der jüngeren Vergangenheit, allen voran Sigmund Freud, den Menschen zu Unrecht einseitig als erotisch bzw. sexuell getriebenes und kaum als thymotisches Wesen gedeutet haben. Er beschreibt, von dieser Basis ausgehend, die großen "Zorninstitutionen" der westlichen Geschichte, die er zunächst in den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam sieht. Die Reihe wird fortgeführt mit Zorn-Ideologien der Aufklärung, etwa dem Freiheitskult der Französischen Revolution mit seinem Lieblingsinstrument Guillotine und dem Eroberungswahn Napoleons, sowie Zorn-Systemen des 20. Jahrhunderts, etwa dem des Kommunismus.

Bezeichnend für alle erscheint ihm eine krankhaft-gekränkte Verfasstheit, aus deren grundlegendem Beleidigtsein metaphysische und post-metaphysische Ideologien voll chronisch gewordenen Hasses gegen alles und jeden erwuchsen. Zwar würdigt Sloterdijk den alttestamentarischen Gerechtigkeitsgedanken ebenso wie das neutestamentliche jesuanische Liebesgebot. Dennoch sieht er in den Droharsenalen des Monotheismus mit seiner prophetischen Apokalyptik einschließlich des Höllenstrafsystems kritikwürdige Elemente. Erst recht gilt das für die diversen Links- und Rechts-Faschismen des 20. Jahrhunderts. Allerdings erkennt Sloterdijk nun Licht am Ende des Zorntunnels, da er den Bankrott der großen Zornorganisationen gekommen sieht. Die derzeitige Neuauflage des Islam mit seinen "Zorneinlagen" und "Zornobligationen" sei nichts weiter als ein provinzielles Possennachspiel, ein Medienspektakel von schlechten Verlierern der Geschichte. Große Politik geschehe heute ausschließlich noch im „Modus von Balanceübungen“, die endlich eine "Weltkultur", die ihren Namen verdiene, erhoffen lasse. Selbst bei Einwänden gegen etliche Schlussfolgerungen – ein überaus anregendes, lesenswertes Buch.

 

Christa Tamara Kaul

 

 

Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit  -  Politisch-psychologischer Versuch, Suhrkamp Verlag,  2006,  22,80 Euro, ISBN 978-3-518-41840-6

 

 

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