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Die Kunst, in Deutschland Kinder zu haben

 

Frauen möchten Kinder, und Frauen möchten Karriere. Beides ist in Deutschland kaum miteinander zu vereinen, da es an Betreuungseinrichtungen fehlt.

We m diese leichtgängige Kausalkette als Erklärung für den Geburtenrückgang in Deutschland genügt, der findet sich in Karin Pfundts Buch  Die Kunst, in Deutschland Kinder zu haben wieder. Er findet aber auch nicht mehr, denn Argumente dieser Art liest man seit Jahren in jeder Zeitung.

Die Autorin, Mutter eines Kindes, beschreibt die Schwierigkeiten bei der Betreuung ihres Kindes. Sie stellt die bekannten Vergleiche mit Schweden und Frankreich an. Auch der historische Rückblick wird nicht ausgelassen. Die ganztags versorgende Mutter war ja bekanntlich eher eine Sonderform der bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts. Daraus kann man schließen, dass dieses Familienideal nicht auch in Zukunft gelten muss. Man kann schließen, aber man muss nicht. Denn die bürgerliche Familie war eine soziale Erfindung von großer Bedeutung, und auch andere Schichten strebten danach, dieses Modell zu verwirklichen. Erstmalig wurde die Familie unter menschlichen und nicht unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet. Man leistete sich den Luxus, die menschlichen Beziehungen,  die seelische Entwicklung und die Bildung des Kindes wichtig zu finden.

Damit steht die bürgerliche Familie in enger Beziehung zu der Erfindung der Menschenrechte in den Genfer Konventionen und der Entdeckung der Psychoanalyse.

Es hätte der Autorin wohl angestanden, an dieser Stelle die Bindungsforschung von Bowlby und Spitz zu erwähnen, auch wenn deren Ergebnisse mit ihren politischen Intentionen nicht kompatibel sind.

Überhaupt lässt die Literaturliste zu wünschen übrig. Mindestens die Arbeiten des Bevölkerungswissenschaftlers Herwig Birg hätten darin auftauchen müssen. Aus ihnen kann man erfahren, dass der Geburtenrückgang in dem demografischen Musterland Frankreich bereits um 1800 einsetzt, in Deutschland 30 Jahre später - also zu einer Zeit, in der die heutigen Probleme noch gar nicht bestanden.

Problembewusstsein aber durchzieht dieses Buch. Als Mutter von fünf Kindern möchte ich mich von diesem Selbstmitleid distanzieren. Es ist doch nicht so, dass diejenigen die Kinder - oder Kind - haben, die Geprügelten der Nation sind! Kinder werden in unserem Land großzügig finanziell unterstützt. Nur nützen finanzielle Anreize kaum, diejenigen zur Elternschaft zu bewegen, die dieses aus anderen Gründen nicht wollen.

Die Autorin sieht den entscheidenden Schritt in der Bereitstellung von Ganztagsbetreuungsplätzen vom Säuglingsalter an.. Genau das hatten wir in den Ostblockstaaten und in der DDR, die Geburtenrate war aber noch niedriger als bei uns.

Und auch in Frankreich und Schweden hat sie nicht die 3 vor dem Komma, was dem Weltdurchschnitt entspräche, erreicht.

Jüngste Umfragen sagen aus, dass der Geburtenrückgang mit ganz anderen Dingen zu tun hat, z.B. dem Mangel an verlässlichen Ehepartnern. Und dieses wiederum könnte mit der rechtlich schwachen Stellung des Vaters zusammenhängen

Neue Familienmodelle sollen nach Meinung der Autorin egalitär ausgerichtet sein. Nicht nur die Gleichheit zwischen Mann und Frau soll verwirklicht werden, sondern auch die Chancengleichheit der Kinder untereinander durch ein möglichst früh einsetzendes staatliches Bildungssystem.

Auch hier fehlt die kritische Auseinandersetzung.

 

Vergrößert das Doppelverdienermodell, wenn es erst einmal Standard ist, die persönliche Freiheit oder setzt es die Frauen unter wirtschaftlichen Zugzwang? Und zuletzt: Ist ein so weitgehender staatlicher Zugriff auf die Erziehung von Kindern wie in Frankreich wirklich zu begrüßen?

Das demografische Problem brennt uns auf den Nägeln. Wenn es ein Wundermittel gäbe, wäre es schon veröffentlicht. Aber ein vernünftige Analyse dieses Problems und Lösungswege, die über Forderungen an den Staat hinausgehen, hätte man von diesem Buch schon erwartet.

Literatur zur Thematik des Ausschusses

Patricia Aden

 

Karen Pfundt: Die Kunst, in Deutschland Kinder zu haben

Argon Verlag 2004  ISBN 3 - 87024 - 593 - X   € 19,80

 

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