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Angewandte Ethik 


Eine Frage der Ehre und praktischen Orientierung



Als Altkanzler Gerhard Schröder, kaum dass er das Bundeskanzleramt an seine Nachfolgerin Angela Merkel übergeben hatte, den gut bezahlten Chefposten bei der in der Schweiz angesiedelten Betreibergesellschaft der russisch-deutschen Ostsee-Gas-Pipeline (North-European Gas Pipeline NEGP) annahm, einem Unternehmen, das er noch kurz vor seiner Abwahl zusammen mit seinem Freund, Russlands Präsidenten Wladimir Putin, forciert hatte, wallte Unverständnis und Fassungslosigkeit, ja Empörung auf. Mehr oder minder in allen politischen Lagern, national wie international. Und das, obwohl nicht der geringste Gesetzesverstoß zu verzeichnen war. 

Doch nach dem Empfinden sehr vieler Bürger und der meisten Kommentatoren ging es hier nicht um Gesetze, sondern um Anstand und Ehre und, nicht zuletzt, um das Gemeinwohl. Oder anders ausgedrückt: Es wurden ethische Bereiche, konkret die der politischen Ethik, berührt. Und nach Ansicht vieler auch verletzt. Doch anhand welcher Richtlinien lässt sich ein solcher Sachverhalt beurteilen? 

Die Erkenntnis dessen, was für die Gemeinschaft (polis) gut ist, ist Voraussetzung für die Erkenntnis, was sowohl in den verschiedenen Wirkungsbereichen eines Gemeinwesens als auch für dessen einzelne Mitglieder gut ist. So umreißt Julian Nida-Rümelin in seinem neu aufgelegten Handbuch „Angewandte Ethik“ die über 2.000 Jahre alte aristotelische Grundlage der politischen Ethik. 

Ein nach wie vor gültiges Leitmotiv? In jedem Fall wieder Ansatz der systematischen Auseinandersetzung über die Ethik politischer Institutionen und politischen Handelns, so Nida-Rümelin. Denn auch wenn die politische Ethik über längere Zeit, besonders vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, ihre Rolle als normative Integrationswissenschaft an ideologische Auseinandersetzungen sowie an wissenschaftstheoretische Grundsatzdiskussionen der neu entstandenen sozialwissenschaftlichen Einzeldisziplinen abgeben musste, so hat sie diese und das „seit der Antike geführte Gespräch über die richtige Form des menschlichen Zusammenlebens, über kollektive Rationalität, gerechte Institutionen und angemessenes öffentliches Handeln“ im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wieder aufgenommen. Und dabei lässt sie deutlich werden, dass nicht nur theoretische Ansätze aus der Epoche der europäischen Aufklärung, sondern auch aus der frühen Neuzeit und der Antike von hohem systematischem Interesse sein können. 

Insgesamt hebt sich die politische Ethik in mehrfacher Hinsicht von den anderen Anwendungsbereichen praktischer Ethik ab. Zum einen weist sie „bei allen Traditionsbrüchen doch eine zusammenhängende Geschichte auf, die sich über mehr als 2.500 Jahre erstreckt“. Zum anderen ist ihr Gegenstandsbereich deutlich umfangreicher als der anderen Bereichsethiken. 

Ethik, was ist das?

Dass der Ethik gerade in den letzten Jahren wieder wachsende Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, zumal in philosophischer Forschung und Lehre, hat nicht zuletzt der Diskurs über die Stammzellenforschung gezeigt. Aber auch auf den anderen Gebieten, etwa bei der Medienethik und der Tierethik, offenbarte sich aktueller Bedarf. Allerdings haftet der Berufung auf ethische Aspekte im alltäglichen Leben nicht selten etwas Unbestimmtes an, was zumeist auf nebulösen Vorstellungen beruht. 

Der Ursprung des Begriffes liegt in dem griechischen Wort ethos (= Gewohnheit, Sitte, Brauch; Charakter, vgl. lat. mos, mores). Daraus geht hervor, dass sich die Ethik mit dem menschlichen Verhalten und Handeln befasst, und zwar mit dem, was gutes oder schlechtes Handeln ausmacht, seinen Motiven, Methoden und Folgen, also einer Bestimmung von Gut und Böse, Richtig und Falsch, Gerecht und Ungerecht. Besonders im letzten Jahrhundert bemühte sich Ethik zunehmend darum, die Probleme moderner Gesellschaften zu analysieren und rational zu behandeln. 

Somit ist sie einer der großen Bereiche der Philosophie und wird mit all ihren Teilgebieten oft als „praktische Philosophie“ bezeichnet, im Gegensatz zur „theoretischen Philosophie“, zu der vor allem die klassischen Disziplinen Logik, Erkenntnistheorie und Metaphysik zählen. Im philosophischen bzw. theologischen Kontext können Ethik und Moral mehr oder minder gleichgesetzt werden. Nicht jedoch im alltäglichen Sprachgebrauch, bei dem sich überwiegend unterschiedliche Bedeutungen der Begriffe herausgebildet haben. 

Ausgangspunkt bilden moralische Überzeugungen, auf deren Grundlage Kriterien und Normen menschlicher Werte definiert und formuliert werden, so dass mittels einer (mehr oder minder verbindlichen) Theorie moralisches Urteilen möglich wird. Die Frage allerdings ist, auf welcher Basis dies geschieht bzw. mit welchen Maßstäben bestimmt wird, was gut oder böse, richtig oder falsch ist und welche Richtlinien gültig sind bzw. sein sollen.

Es haben sich mehrere Ansätze herausgebildet, allen voran das utilitaristische, das kantische (deontologische) und das kontraktualistische Paradigma, daneben auch die libertaristische und die tugendethische Theorie. Im Gegensatz zur letzten, der Tugendethik, handelt es sich bei den anderen um so genannte Handlungsethiken. Sie unterscheiden sich von der Tugendethik, die auf Charaktermerkmalen bzw. angeborenen und erworbenen Verhaltensdispositionen beruht, vor allem dadurch, dass sie die Verantwortlichkeit des Einzelnen für das, was er tut, hervorhebt. Allerdings stellt sich die Frage, inwiefern Menschen auch für solche Handlungen verantwortlich sind, die bestimmten Merkmalen ihres Charakters entsprechen oder sogar in ihnen wurzeln. Die Beantwortung dieser Frage spielt eine entscheidende Rolle und kann gegebenenfalls zu einem unlösbaren Problem führen. Denn wenn angeborene oder erworbene Verhaltensdispositionen Handlungen tatsächlich eindeutig bestimmen würden, „wären die normativen Kriterien der Handlungsethik gegenstandslos“. 

Betrachtungen zu grundsätzlichen Fragen dieser Art entwickelt der Autor in der umfassenden, fundierten Einleitung, die auch nicht so sehr mit der Materie Vertraute trotz des hohen wissenschaftlichen Anspruchs gut verständlich in die wesentlichen Ansätze der Ethik einführt. Den Hauptteil des rund 900 Seiten starken Handbuches nimmt die ausführliche Darstellung und Erörterung von elf Bereichsethiken dar. Es sind dies neben der schon erwähnten politischen Ethik die Medizin-, Medien- und Tierethik sowie die Rechts-, Wirtschafts-, Technik- und Wissenschaftsethik und dazu, besonders aktuell, der Ethikbereich der Gen- und Biotechnologie. Ergänzend behandeln die beiden Schlusskapitel „Ethik des Risikos“ und „Wert des Lebens“ übergreifende Themen aus den einzelnen Bereichsethiken. 

Damit finden neben allen individuell Interessierten auch viele Berufsgruppen, besonders die aus den Bereichen Politik, Recht, Medizin und Technologie, Orientierungshilfen für zentrale Handlungsfelder sowohl ihrer Fachgebiete als auch allgemein gesellschaftlicher Art. Selbstverständlich erhebt Ethik, und damit dieses Buch, nicht den Anspruch, universale Lösungsrezepte anzubieten. Aber es werden neben der historischen Entwicklung moralischer Wertesysteme Anregungen und Beispiele aufgezeigt, wie Verstand und Vernunft zur Überwindung auch unüberbrückbar scheinender Differenzen hinwirken können. 

Christa Tamara Kaul


Julian Nida-Rümelin (Hg.): Angewandte Ethik: Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Ein Handbuch – 2. aktualisierte Auflage 2005, Alfred Kröner Verlag, 933 S., Leinen im Schutzumschlag, 49,- Euro
ISBN 3-520-43702-3 

 

 

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